Ordnung ist das halbe Leben?

Ist ja alles schön und gut, aber wie soll ich mit einem kleinen Kind Vereinbarungen treffen?

Eines vorweg: Nur weil es Vereinbarungen gibt, muss noch lange nicht alles reibungslos ablaufen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es leichter wird, ist höher. Reden wir über das Aufräumen.

Wie jetzt also?

Eine liebe Freundin meinte zu mir: In der Kita sei das viel einfacher, denn da gäbe es Struktur. Worüber wir dann diskutierten war, woher diese Struktur käme und wer sie mit wem vereinbart hat. Eine Struktur kann auch eine Vereinbarung sein, die nicht an zeitliche Rahmenbedingungen geknüpft ist. Eine „Wenn-Dann“-Beziehung. Wenn wir spielen, räumen wir auf. Wenn wir essen, sitzen wir am Tisch. Wenn wir am Klo waren, waschen wir die Hände. Diese Regeln haben nichts mit zeitlichen Abläufen zu tun, sondern mit Tätigkeiten.

Zur Ordnung könnte ich noch viel mehr sagen, aber das hier ist das Wichtigste: Kinder haben eine andere Ordnung als wir Erwachsene! Es muss ihnen gestattet sein, in einem Bereich des Hauses, der Kita, des Heims ihre eigene Art von Ordnung zu leben. Kinder zwängen sich einen großen Teil ihrer gelebten Zeit in unsere Ordnung – es sei ihnen vergönnt, ihren eigenen Space für sich zu ordnen.

Geht es jedoch um Gemeinschaftsräume – das Wohnzimmer, der Gruppenraum, das Bad, die Garderobe – dann müssen Regeln gelten, die für alle tragbar sind. Ein sehr junges Kind versteht noch nicht, was wir unter dem Begriff „Aufräumen“ meinen.

Kinder verstehen: Jedes Ding hat ein Zuhause. Wenn das Zuhause der Dinge ein Foto hat, auf dem zu sehen ist, „wer“ hier „wohnt“, umso besser. Wir können also Fotos von aufgeräumten Schränken oder Regalen so anbringen, dass Kinder diese sehen können. Wir fotographieren den aufgeräumten Schrank mit den Kindern, drucken das Foto aus und kleben es gemeinsam an den Schrank.

Weißt du, warum du es gern ordentlich hast?

Wichtig ist, dass wir Erwachsene selbst verstehen, warum wir es ordentlich wollen. Nur dann sind wir authentisch! Die Begründung „Weil es sich so gehört“ ist unsinnig und lässt Raum für Fragen. Stattdessen erklären wir, was uns persönlich ein ordentliches Wohnzimmer bedeutet.

Noch bevor das Kind alt genug ist, um diese Erklärungen zu verstehen, beginnen wir, den Ordnungsdrang des Kindes zu unterstützen. Ja, du liest richtig. Kinder haben, besonders im Alter von 1,5 bis 2 Jahren einen ausgeprägten Sortierzwang. Jetzt ist es wunderbar, wenn Spielsachen einen festen Platz haben, den das Kind erreichen kann. Vielleicht mit einem Foto dran, was dort hingehört.

Kinder brauchen diese Ordnung, um in ihrem sich rasant entwickelnden Gehirn Ordnung zu schaffen. Sie kategorisieren und gruppieren ständig neue Wörter und Begriffe. Grün, gelb, rot sind Farben. Hölzerne Klötze in grün gelb und rot sind Bausteine und gehören in dieselbe Kiste. Alles mit Rädern sind Fahrzeuge – sie gehören in einen Korb. Und so weiter.

Das Aufräumen wird aus der Sicht des Kindes also ein Sortierspiel. Wichtig ist, dass wir immer wieder zeigen, wo die Dinge „wohnen“ und dass wir sie dort hin räumen, wenn wir damit nicht mehr arbeiten. Dasselbe gilt für die Tätigkeiten der Erwachsenen: Die Küche wird aufgeräumt nach dem Kochen, der Schreibtisch nach der Arbeit. Kinder können dabei mithelfen, indem sie kleine Arbeiten übernehmen.

Schon sehr früh – früher als die meisten Eltern denken – können Kinder den Tisch nach dem Essen abräumen helfen. „Trägst du bitte dein Glas in die Küche?“ – und so mit allen Gläsern auf dem Tisch. Kinder lieben diese Art der Mitarbeit, denn sie fühlen sich dadurch zugehörig und wichtig.

Wenn das Kind noch unter 3 Jahren alt ist, sollte das Aufräumen als freiwillige Teilnahme angeboten werden. Abends, vor dem Schlafengehen wird gemeinsam das Wohnzimmer vom herumliegenden Spielzeug befreit. Dies kann Teil der Abendroutine sein. Wenn du aufräumst, wenn das Kind schon schläft, ist das Zimmer durch Zauberhand von selbst sauber geworden. In Kitas läuft das ähnlich. Die Fachkräfte beginnen mit dem Aufräumen, bevor man in den Garten geht, damit Kinder mitarbeiten können.

Rechtzeitig aufräumen, bevor das Kind überfordert – dysreguliert – wird

Manchmal haben Kinder schon sehr viel „Saustall“ angerichtet und sind nicht mehr in der Lage, mitzuarbeiten. Was hilft? Natürlich schnellstens essen, schlafen oder beruhigen – was auch immer ansteht, und nicht zum Aufräumen zwingen. Wenn wir die Kinder in unserem Leben genau beobachten, lernen wir schnell, wann die Überforderung erreicht ist und können rechtzeitig einwirken. Dann beginnen wir, mit dem Kind schonmal einen Teil der Spielsachen aufzuräumen, damit es nicht zu viel wird. Wichtig ist auch, dass sich junge Kinder nicht sehr lange daran erinnern, wer das Spielzeug herausgenommen hat. Wenn das Aufräumen also nicht gleich im Anschluss passiert, übernehmen wir das für das Kind und fertig.

Die Frage: „Weißt du, wo das hingehört?“ ist für jedes Kleinkind ein lustiges Rätsel. So können auch die Jüngsten beim Ordnung machen mithelfen.

Vereinbarungen brauchen Zeit. Zeit um ausverhandelt zu werden und Zeit, um zu wirken. Je jünger die involvierten Kinder, desto länger müssen wir Geduld haben. Das liegt am kognitiven Entwicklungsstand der Jüngsten.

Ordnung ist das halbe Leben. Aber eben nur das halbe.

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